Rezension: Patrick Rothfuss “Der Name des Windes”

Selten hat ein Fantasy-Roman für Erwachsene in Deutschland so für Wirbel gesorgt, wie Patrick Rotfuss’ Der Name des Windes (engl. Originaltitel: The Name of the Wind) in der Übersetzung von Jochen Schwarzer. Der Autor selbst wundert sich sogar in seinem Blog über die große Aufmerksamkeit, die sein Roman hierzulande bekommt. Spätestens seit Denis Scheck in seiner spätabendlichen Büchersendung “Druckfrisch” das Buch empfohlen hat, scheint Der Name des Windes die Niederungen des Genres verlassen zu haben und an den Lorbeerkränzen der hohen Literatur schnüffeln zu dürfen.

Das ist auf den ersten Blick zunächst allerdings ungewöhnlich, erzählt Patrick Rothfuss doch eigentlich nur eine simple Geschichte, wie man sie in der Fantasy-Literatur nicht selten vorfinden kann.

Kvothe, ein Junge, der mit seinen Eltern und einer Theatergruppe von Ort zu Ort reist, findet einen Lehrer, der in ihm das magische Talent weckt, wenig später werden seine Eltern unter den Augen des Jungen umgebracht. Als Waise findet er sich zunächst auf den Straßen einer großen Stadt wieder und muss dort das erbärmliche Leben eines Straßenjungen mit all dem Hunger, der Kälte und den Demütigungen erleben. Drei Jahre später besinnt er sich der Worte seines ehemaligen Lehrers und begibt sich an die Universität, um das Handwerk eines Magiers zu erlernen. Er muss sich vor der Lehrerschaft beweisen, hat bald einen überheblichen und reichen Schnösel zum erbitternden Feind und verliebt sich unsterblich.

Das alles kommt einem bekannt vor und Patrick Rothfuss muss auch in fast jedem Interview Fragen nach den Parallelen zum berühmtesten Zauberschüler der Welt beantworten. Aber auch Harry war nicht Erste, vor ihm besuchte schon Ged eine Zauberuni – nämlich die von Erdsee. Auch er eine Legende seiner Welt.

Auf den ersten Blick hat Patrick Rothfuss dem ganzen Thema nicht wirklich etwas Neues hinzuzufügen. Doch warum schwärmen dann so viele von seinem Roman? Die Geschichte wirkt an vielen Stellen holprig, außer Kvothe hat sie kaum ausgearbeitete Figuren, es gibt eine Menge konstruierter Zufälle und die Handlung ist zum Teil ziemlich vorhersehbar. Man gewinnt sogar den Eindruck, Rothfuss wusste beim Schreiben nicht immer ganz genau, was er mit seinem Romanhelden eigentlich so richtig anfangen soll.

Trotz allem ist Der Name des Windes nicht nur ein guter, sondern ein besonderer Roman, denn er spiegelt Lebenserfahrungen wieder – schmerzvolle und schöne, erzählt von Niederlagen und Triumphen, vom schwierigen Erwachsenwerden, vom süßen und bitteren Traum auf dem Weg zum Mann. Eine Geschichte für Jungs möchte man meinen, aber auch Frauen werden ihr Vergnügen an dem Buch haben, offenbart es doch so manches Geheimnis über das männliche Ego.

Kvothe erzählt seine Geschichte in der Rückschau seinem Schüler und einem Chronisten im Gasthof zum “Wegstein”, in welchem er sich vor der Welt versteckt. Er erzählt selbstherrlich, arrogant, verliebt, enttäuscht, angeschlagen und euphorisch die Geschichte seines Lebens. Rothfuss versetzt den Leser auf fast magische Weise in die Rolle des Chronisten, man klebt, wie die fiktive Figur, förmlich an den Lippen des Erzählenden. Man kann es regelrecht spüren, die Kälte, den Hunger, die Angst, das fehlende Geld, die Verletzungen an Körper und Seele – und natürlich die große Liebe im Wechselbad der Gefühle.

Wohl fast jeder junge Mann hat eine ähnliche Erfahrung auf die eine oder andere Weise gemacht, die Geldnot in Lehre und Studium, den arroganten Schnösel, der einem das Leben schwer macht, der Traum von einer erfolgreichen Karriere als Musiker, die unerfüllte Liebe und der Neid auf den, der sie in seinen Armen hält. Gerade die unerfüllte Liebe gehört zum männlichen Erwachsenwerden wie die ersten Barthaare oder der erste … na Sie wissen schon. In unzähligen Geschichten und Gedichten begegnet man ihr seit Anbeginn der Zeiten immer wieder, dieser tragischen und erfolglosen Liebe zu einer Frau – die Göttliche, so fern wie der Mond und doch jede Nacht vor Augen.

Der Name des Windes ist auch eine Geschichte über die Entstehung von Geschichten. Der Autor spielt genüsslich mit den Versatzstücken von Mythen, ja er lässt sogar seinen Hauptcharakter immer wieder Vergleiche zwischen der eigenen Lebensgeschichte und alten Sagen seiner Welt ziehen. Vor allem ist der Roman aber eine Geschichte vom Erwachsenwerden und den damit verbundenen Schmerzen. Patrick Rothfuss erzählt das alles in einer wundervollen und anrührenden Sprache. Er erzählt uns von einem altbekannten Mythos, nämlich dem Mythos von uns selbst. Es gelingt ihm perfekt – Harry Potter jedenfalls ist schnell vergessen.

Wertung: 9,5/10 Punkten

Ich möchte bei dieser Gelegenheit noch auf ein schönes Interview hinweisen, welches Linda vom Blog Fantasy-Faszination mit Patrick Rothfuss geführt hat.

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One Response to “Rezension: Patrick Rothfuss “Der Name des Windes””

  1. Danke für die Verlinkung und auch beim Lesen deiner Rezension hatte ich viel Freude. Als “Jungenroman” hab ich das Buch (als weibliche Leserin) nie so recht betrachtet, obwohl Kvothe natürlich auch viele … hm, eher geschlechtsspezifische Probleme hat, schien mir nie eine bestimmte Zielgruppenorientierung vorzuliegen – auch wenn es an weiblichen glaubhaften und starken Charakteren noch mangelte. Auf jeden Fall kann ich aber bestätigen, dass man als Leserin nicht weniger Freude daran hat als als Leser. ;)

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